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Rat Bike ohne Motor: Wie ich mein Velo absichere

Während mein Velo beim Mechaniker ist, mache ich mir Gedanken über ein Velo in der Stadt und warum ich keinen Billig-Göppel will und weshalb ich hunderte Franken in ein Velo investiere, obwohl ich mir ein neues kaufen könnte.

Ich habe einen Fehler gemacht.

Mir fällt mein Fehler am Morgen danach auf. Die Sonne hat mich vor wenigen Minuten an einem langen Wochenende geweckt. Ich freue mich, denn meinem Tagesplan steht nichts im Wege. «Ich schnapp mir meine Sony a7s ii und mein Velo, fahr irgendwo hin und… Mist!»

Mein Velo ist beim Mechaniker. Nach einigen Jahren ist wieder eine Generalüberholung nötig. Wo andere ein billiges Velo kaufen, dann das Teil alle paar Jahre ersetzen, habe ich mich für das Gegenteil entschieden, selbst wenn ich in der Stadt wohne, wo ständig irgendwelche Velos geklaut oder zerstört werden. Zu Zeiten des Needle Parks, der offenen Drogenszene am Zürcher Platzspitz, war das sogar ein florierender Wirtschaftszweig für die Junkies im Park. Heute verstehe ich das Ganze nicht wirklich.

Die Logik der Deppen

Ich versuche, Velodiebe und Vandalen zu verstehen, denn dank ihnen habe ich ein Veloschloss, das zwei Kilo wiegt und mit dem «Sold Secure Gold Award» ausgezeichnet worden ist. Was auch immer ein «Sold Secure Gold Award» sein mag. Und sowieso: Ich habe heute Zeit, denn während einer der Mitarbeiter der Velowerkstatt Velofix mein Bike auseinandernimmt, repariert und neu zusammensetzt, mache ich mal Toast.

Trotz allem Ärger und den neuen Plänen für den Tag, die ich schmieden muss: Ich verstehe Velodiebe. Du bist etwas angetrunken, willst nach Hause. Taxi zu teuer, Uber wäre eine Anmeldung zu viel, die öffentlichen Verkehrsmittel fahren schon lange nicht mehr. Da steht ein Velo rum, ohne Schloss, oder mit einem kleinen gurkigen Schloss. Liegt doch nahe.

Eine Veloleiche, wie du sie irgendwo in der Stadt Zürich findest

Die Vandalen verstehe ich aber überhaupt nicht. Jeden Montag sehe ich wieder ein anderes kaputtes Velo an einen Veloständer gekettet. Der Sattel fehlt vielleicht, vielleicht ist es auch das Vorderrad. Selten mal der Lenker oder das Hinterrad. Die einfach zu entfernenden Teile sind die, die in der Regel fehlen. Warum? Wozu braucht ein Betrunkener ein Vorderrad? Fehlt ihm der Velosattel und mein Sattel gefällt ihm grade so gut, dass er ihn haben muss? Oder landen die Teile einfach in der Limmat?

Mir egal. Aber das hat mich dazu gebracht, mein Velo umzubauen.

Meine zwei Räder

Ich gebe zu, mein Velo ist kein typisches City Bike. Es ist eigentlich ein Mountain Bike. Ein ehemals recht teures Mountain Bike. Mit richtig guten Teilen und all dem. Es ist zwar schon zehn Jahre alt, plusminus, und hat vor mir schon einen Besitzer gehabt, aber das gute Bike kann nach wie vor mithalten. Vor allem, wenn du es so brauchst wie ich: Als Velo in der Stadt und vielleicht am Wochenende auch mal ausserhalb. Keine gewagten Bergtouren oder grosse Offroad-Expeditionen.

Mein Velo soll in der Menge untergehen, aber gut funktionieren

Was genau mein Velo ist, ist schwierig zu sagen. Die Marke heisst «Arrow», eine Marke, die es nicht mehr gibt, denn sie war eine Tochtermarke der Schweizer Velomarke Villiger. Villiger war wiederum eine Tochtermarke des internationalen Velokonzerns Trek Bikes. Trek Bikes hat anno 2015 wohl keinen Bock mehr auf die Marke, die nicht älter als 35 Jahre alt werden wird und hat sie eingestellt. Bereits 2007 wurde Arrow als Marke aufgegeben. Die Bikes waren nur noch als Villiger Bikes erhältlich. Das ist alles, was ich über mein schwarz/weiss/rot/blaues Bike weiss. Ausser, dass ich es sehr gerne habe.

Da Arrows recht teuer waren und mein Velo nach erhalt auch so aussah, habe ich es umgebaut.

Das Rat Bike ohne Motor

Die Idee hinter all meinen Umbauten habe ich der Motorrad-Szene entlehnt. Dort gibt es das Konzept des Rat Bikes. Ein Rat Bike ist ein voll funktionsfähiges Motorrad, das aber aussieht, als ob es zwei Kilometer vor dem Verrecken wäre. Sie sehen zwar charmant aus, aber wenn du ein Dieb bist, der ein Motorrad klauen will und dann vielleicht ein paar Franken damit machen willst, dann ist das Rat Bike nicht der Töff, den du mitgehen lassen willst.

Ein Rat Bike aus der Designerwerkstatt der Bobber Bros.
bobberbros.com

Mit einem Werkzeugkasten mache ich mich ans Werk:

  • Hörnli: Weg
  • Gepäckträger: Weg
  • Schutzbleche: Weg
  • Pedale: So unbequem wie möglich
  • Lampen: Weg, erstetzt durch Knog Lights
  • Satteltasche: Weg

Damit sieht das Velo für Diebe mal sicher nicht so sexy aus, wie es aussehen könnte. Gegen Vandalen hilft das aber wenig. Also müssen alle beweglichen Teile weg. Also, nicht die Räder oder das ganze Ketten-Gangschaltungs-System, sondern die kleinen Dinge.

Der Sattel wird fest verschraubt. Ich bin der Einzige, der das Velo fährt und ich bin ausgewachsen. Da brauche ich keine Hebel, die ich von Hand einfach aufdrehen konnte und mit denen ich den Sattel stufenlos verstellen kann, so praktisch die auch waren, damals als Teenager. Die Achsen, ebenfalls mit handlösbaren Hebeln, werden ebenfalls fest verschraubt.

Vom einst glorreichen Mountain Bike ist nur noch wenig da. Ich überlege mir, das Ritchey-Logo auf dem Lenker irgendwie zu überdecken, verwerfe den Gedanken aber.

Mein Bike ist fertig. Ich bin stolz auf meine Arbeit. Während Jahren leistet dieses Setup gute Dienste. Mein Velo wird weder beschädigt noch geklaut.

Die Zukunft naht

Da ich viel über mein Bike nachdenke, wenn ich nicht einfach schnell am Wochenende durch die Stadt fahre sondern es repariere oder reparieren lasse, dann bin ich neugierig. Bei Velofix werde ich nach den Reifen gefragt. Offensichtlich hat sich da was getan, wohl schon seit längerem. Denn mir wird vorgeschlagen, mir die Schwalbe Marathon Plus MTB genauer anzusehen.

Die Reifen sind innen verstärkt, damit sie nicht so leicht aufgestochen werden
  • Marathon Plus MTB (27.50", 2.10")
  • Marathon Plus MTB (27.50", 2.10")
CHF 31.90
Schwalbe Marathon Plus MTB (27.50", 2.10")

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Die Reifen sehen auf den ersten Blick aus wie Reifen halt so aussehen. Schwarz, rund mit Profil. Doch unter der äusseren Gummischicht befindet sich laut Hersteller eine fünf Millimeter dicke Kautschukschicht, die das Durchstechen des Reifens verhindern soll. Nägel, Scherben und so weiter sollen da kein Problem sein.

«Ja, gerne», sage ich, wenn ich gefragt werde, ob ich die High-Tech-Reifen will.

Die Logik dahinter ist einfach erklärt. Ich fahre nicht hobbymässig durch Scherbenhaufen und Nagelhaufen, aber wenn ich denn doch einmal eine Scherbe unter dem Reifen habe, bin ich froh, wenn mein Velo heil bleibt. Auch wenn das nur einmal in fünf Jahren oder so vorkommt, das bisschen Lebensqualität – die Gewissheit, dass mir das keine Sorgen machen muss – gönne ich mir.

Ich verlasse die Velowerkstatt am Tag vor meiner Realisation, dass ich mir mein ganzes Wochenende versaut habe und meinen Foto-Trip absagen kann.

Wieder auf dem Sattel

Vier endlos lange Tage schleifen sich dahin. Schnell zum Coop radeln? Nein. Kurz zum Kollegen Business Analyst ans andere Ende der Stadt? Nein. Grauenhaft. Selbst mit meiner begrenzten Nutzung des Velos fühle ich mich eingesperrt. Meine Welt ist klein.

Der Weg zu Velofix am Donnerstag danach schleppt sich hin. Dann vor der Tür steht mein Arrow. Hat sich äusserlich kaum verändert und das ist gut so. Mein geschultes Auge sieht aber, dass die Reifen breiter sind.

Die Federgabel ist leider hinüber, hält aber noch einige Zeit durch

«Die Federgabel ist hinüber. Die hat vielleicht noch zwei gute Jahre vor sich, dann kannst du die auswechseln», sagt mir der Mechaniker. Sorgen machen müsse ich mir noch nicht, aber wenn die Gabel weicher wird, dann müsse ich handeln.

Ich zahle, schwinge mich auf den Sattel und trete in die Pedale.

Yes! So soll das. Die Reifen halten Luft. Sie sind zwar etwas breiter als die alten, was aber die Fahrt viel geschmeidiger macht. Die Bremsen greifen wieder gut. Die Kette ist gut geölt und das Velo sieht immer noch aus, als ob es schon einmal von einem Vandalen attackiert wurde. Es ist etwas zu sauber, aber das wird schon. Ein paar Dutzend Kilometer durch den Blüten- und Strassenstaub sollte das richten.

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Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

4 Kommentare

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User shoffmeister

Keinen kümmert es, wie Dein Velo aussieht.

Diebe wollen entweder das Velo als Ganzes, oder nehmen dankend die Komponenten mit (ist halt wie Silbertablett und Selbstbedienung am Self-Checkout bei der Migros, oder?!).

Vandalen sind ... Vandalen. Da hilft nur Entzug.

12.06.2018
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User Anonymous

Bzw: Vandalen sind geistig meist sehr eingeschränkt.

12.06.2018
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User Dominik Bärlocher

Du magst Recht haben, aber das Risiko mit dem schönsten Bike des Veloständers möchte ich halt eben trotzdem nicht eingehen. Ich will ja nicht zwingend das hässlichste Bike hinkriegen, denn das dürfte sowieso schwierig werden mit den ganze Billiglottervelos für unter 500 Stutz. Aber das zweitschönste reicht meiner Theorie nach schon aus.

18.06.2018
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Antworten
User strizzia

Guter Schreibstil, Dominik Bärlocher. Mein erstes 29er-Bike war ein "Leopard". Da machen die Diebe einen grossen Bogen rum und der Rest rümpft die Nase. Wer will denn schon ein Konsi-Velo ;-). Auf mein E-Bike "Haibike" muss ich schon ein bisschen besser aufpassen. Ich kette es immer an einen fest verankerten Pfosten oder ähnliches. Es gibt - zum Glück - immer mehr dieser Poller/Pfosten für Fahrräder.

17.06.2018
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