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Schimpfen ist Silber und Lügen ist auch Sch*****

Wenn einem irgendwann Ideen (und Geduld) ausgehen, wie man sein auf dem Trottoir liegendes Kind davon überzeugen soll, wieder aufzustehen - darf man da auch Erziehungsberechtigte erfinden?

Als ich meinen Sohn das erste Mal anlüge, ist er zweieinhalb Jahre alt. Er kniet neben mir am Boden und will sich partout nicht hinsetzen. Lass ihn doch, könnte man mir nun raten, soll er halt sein Brötchen unter dem Tisch essen, ist doch egal. Und das stimmt ja auch, nur befinden wir uns gerade in einem Flugzeug und dieses sich im Landeflug. Deshalb: «Tuesch änesitze, Schätzli? Lueg, alli andere Lüüt sind au scho aagschnallt. Weisch, jetzt tuets Flugzüüg denn lande. - Hesch ghört, was ich gseit han? Weisch, es isch gföhrlich. - Müsli, ich zähle uf jetzt uf drü und wenn denn nöd a dim Platz sitzisch, wird ich langsam hässig. - Aymar! Jetzt rüef ich denn grad de Frau, wo da im Flugzüüg schafft und säge ihre, dass du immer na da am Bode sitzisch.»

Ich beginne zu schwitzen, auf meinem Schoss sitzt ein Baby, das langsam wegdöst, und mit der freien Hand zerre ich am Pullover seines Bruders. Vor meinem inneren Auge sehe ich das Kind schon zum Cockpit rollen, weil das Flugzeug ein wenig rumpelt, da fällt mir ein: Einen hab ich noch. In meiner überschaubaren Auswahl an Erziehungsansätzen gibt es tatsächlich noch etwas, das ich bisher unversucht gelassen hatte.

Ich krame in meiner Tasche und halte mein ausgeschaltetes Telefon ans Ohr. Mit gerunzelter Stirn schaue ich an einen unbestimmten Ort draussen in den Wolken: «Hallo? Spricht da der Samichlaus?» Es ist ein kurzes Gespräch, ich erwähne dabei den Spielzeugzug, den mein Sohn nach unserer Landung in der Schweiz eigentlich bekommen sollte und dass dies nun vielleicht doch keine so gut Idee sei. Nie werde ich den Blick meines Sohnes vergessen. Hektisch klettert das Kind auf seinen Platz. Ich schäme mich dafür, wie erleichtert ich bin, dass mein imaginärer Anruf derartige Wirkung hatte. Der Bub tut mir nun leid. Der Samichlaus liesse bestimmt noch einmal mit sich reden, tröste ich ihn und streichle seine Wange, die letzten Minuten des Flugs schweigen wir beide.

Der Samichlaus kommt trotzdem noch einige Male zum Einsatz. Einmal zücke ich das Telefon und blicke sorgenvoll zum Himmel hoch, weil das Kind seit einer Viertelstunde wie ein gestrandeter Seestern vor dem Eingang eines Spielzeugladens liegt, ein anderes Mal muss Pai Natal, wie er sich in Portugal nennt, die Erziehung übernehmen, weil meine Söhne lieber im Park verhungern würden als sich auch nur einen Schritt heimwärts zu bewegen, da kann ich so lange von Nüdeli mit Rahmsauce reden, wie ich will.

So richtig wohl ist mir aber nie dabei. Schimpfen ist blöd, aber Lügen ist auch nicht besser, befinde ich deshalb irgendwann, und so tritt Pai Natal fortan wieder ausschliesslich zur Weihnachtszeit (und in Form meines verkleideten Schwiegervaters) in unser Leben, und den Rest des Jahres ziehen wir unsere Kinder ohne seine Hilfe auf. Die beiden Buben müssen aber auch heute bisweilen einen Tag auf ein geliebtes Spielzeug verzichten. Aber sie wissen dann, dass nicht der Samichlaus dahinter steckt - sondern halt einfach das böse Mami.

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Ümit Yoker

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Schrumpfende Stuben, zerdehnte Minuten

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Geständnisse einer Gelobten

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Ümit Yoker

Journalistin und Mutter von zwei Söhnen, beides furchtbar gerne. Mit Mann und Kindern 2014 von Zürich nach Lissabon gezogen. Schreibt ihre Texte im Café und findet auch sonst, dass es das Leben ziemlich gut mit ihr meint.
uemityoker.wordpress.com

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