«Unternehmen sollten Vorurteile ablegen»
Hintergrund

«Unternehmen sollten Vorurteile ablegen»

Nadine Romero, Head of Brand Management von digitec, hat uns verraten, wie sie Karriere und Familie unter einen Hut bringt. Typisch, werdet ihr sagen, jetzt fragen die wieder mal eine Frau, wie sie das Ganze meistert, und die Männer? Nur nicht zu voreilig, wir werden diese Fragen auch noch Männern in Führungspositionen stellen. Denn absolut: Fortschritt bedingt, dass wir gewisse Klischeefallen hinter uns lassen.

Nadine, wie lange bist du schon bei Digitec Galaxus?
Ziemlich genau 10 Jahre.

Schon immer in dieser Funktion?
Nein, ich bin seit September 2017 in dieser Funktion tätig und habe bis vor kurzem 100% gearbeitet. Vor einigen Monaten bin ich Mutter geworden und arbeite deshalb seit Februar 2020 in einem 80%-Pensum.

Du hast in 10 Jahren das rasante Wachstum von digitec hautnah miterlebt.
Absolut, als ich bei digitec angefangen habe, waren wir zu fünft im Marketing. Heute arbeiten über 65 Personen in der Abteilung. Durch das rasante Wachstum haben sich immer wieder neue Chancen ergeben, so dass ich mich stetig weiterentwickeln konnte. Auch das Aufgabenfeld hat sich laufend geändert und ich konnte in der Dekade sehr viel lernen.

Was ist deine Aufgabe als Head of Brand Management digitec?
Mein Team verantwortet den Markenauftritt von digitec. Dazu gehören unter anderem die Werbekampagnen. Wir sind dafür zuständig, dass unsere Marke klare Werte hat und diese auch gelebt werden. Innerhalb vom Unternehmen muss Einigkeit herrschen, wofür die Marke steht, was das Nutzenversprechen ist, damit dies wiederholt nach aussen getragen werden kann. Die Qualität, die mit der Marke verbunden wird, ist entscheidend. Nur wenn die Kundschaft immer wieder positive Erfahrungen mit der Marke macht und ein positives Einkaufserlebnis hat, entsteht Vertrauen.

«Nur wenn die Kundschaft immer wieder positive Erfahrungen mit der Marke macht und ein positives Einkaufserlebnis hat, entsteht Vertrauen.»
«Nur wenn die Kundschaft immer wieder positive Erfahrungen mit der Marke macht und ein positives Einkaufserlebnis hat, entsteht Vertrauen.»

Als Führungskraft bist du als Frau bei digitec in der Unterzahl. Auch schweizweit zeichnet sich ein ähnliches Bild. Gerade mal vier der 100 grössten Schweizer Firmen haben einen weiblichen Chef. Was braucht es aus deiner Sicht, um dieses Ungleichgewicht etwas zu korrigieren?
Das ist ein sehr komplexes und vielschichtiges Thema, zu welchem sich schon viele renommierte Personen geäussert haben. Das zeigt, dass es kein Rezept gibt, keine offensichtliche, einfache Lösung. Klar ist, es muss noch sehr viel passieren.

«Unternehmen müssen Mut beweisen und neue Modelle ausprobieren.»
«Unternehmen müssen Mut beweisen und neue Modelle ausprobieren.»

Zum Beispiel?
Was aus meiner Sicht hilft, ist die Möglichkeit Teilzeit zu arbeiten. Es braucht mehr Führungspositionen, die in einem 80-%-Pensum ausgeschrieben werden. Home-Office (sofern für die Kinderbetreuung gesorgt ist) erleichtert die Vereinbarkeit von Beruf und Familie enorm – insbesondere bei langen Arbeitswegen. Ausserdem sind flexible Arbeitszeiten sehr von Vorteil. So hat man beispielsweise die Möglichkeit mal am Abend von Zuhause aus zu arbeiten. Job-Sharing könnte ebenfalls ein Lösungsansatz sein.

Und was noch?
Vorbilder, die sich gegenseitig stärken und Talente nachziehen sind ebenfalls sehr wichtig. Ausserdem wünsche ich mir, dass Frauen nicht zu sehr an sich zweifeln und sich verantwortungsvolle Positionen zutrauen. Eine gesunde Selbstreflexion ist sicher wichtig, zu viele Zweifel können aber hinderlich sein.

Fehlt teilweise der Mut?
Ja, aber nicht nur bei den Frauen. Auch Unternehmen müssen Mut beweisen, neue Modelle ausprobieren und allfällige Vorurteile ablegen. Es braucht eine gewisse Offenheit, um neue Lösungsansätze zu prüfen.

Wie bringst du Karriere und Familie unter einen Hut?
Ich habe das Glück, dass ich auch mit 80% weiterhin als Führungsperson tätig sein kann. Ausserdem ist mein Team sehr verständnisvoll, wenn ich früher los muss oder am Abend von Zuhause noch ein paar Dinge erledige.

Teilst du dir mit deinem Mann die Betreuungsarbeit auf?
Ja, wir arbeiten beide 80%. Mein Mann ist übrigens auch in einer Führungsposition tätig, sprich: es ist durchaus möglich, wenn die Unternehmen mitmachen.

Cool, und nicht selbstverständlich, wenn man sich die Zahlen anschaut. Die grosse Mehrheit der Väter arbeitet Vollzeit.
Jede Person und Familie braucht ihre individuelle Lösung.

Welchen Beruf würdest du wählen, wenn du neu beginnen könntest?
Ich hatte unterschiedliche Berufswünsche. Das reichte von Astrophysikerin über Kommissarin bis hin zu Diplomatin und Ärztin. Ich empfinde auch noch heute eine grosse Bewunderung für die Leistung von Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten. Ob ich mich bei einem Neuanfang für so einen Beruf entscheiden würde, kann ich aber nicht mit Sicherheit sagen.

Was bereitet dir am meisten Freude?
Was meinst du jetzt? Auf der Arbeit oder privat?

Beides.
Ich mag es, Projekte fachlich zu betreuen und an der Front mitzuarbeiten. Wir sind im Unternehmen so aufgestellt, dass Führungskräfte nach Möglichkeit operativ mitarbeiten und nicht ausschliesslich managen oder führen. Für mich ist es spannend, wenn Mitarbeitende mit ihren Anliegen auf mich zukommen und wir uns austauschen können, ich als Sparring- Partner eingebunden werde oder mit meinen Peers diskutiere und verschiedene Sichtweisen auf den Tisch kommen.

Und privat?
Ein kühles Bier auf der Terrasse nach der Arbeit oder ein lustiger Abend mit Freund*innen sind wichtige Energiequellen. Aber all das ist nichts im Vergleich zu dem Gefühl, wenn ich abends nach Hause oder zur Krippe gehe, und weiss, dass ich jetzt dann gleich meinen Sohn sehe. Es ist unbeschreiblich.

Dein Wunsch für die Zukunft?
Dass mein Sohn in einer guten Zeit aufwachsen kann und glücklich ist. Er sich verwirklichen kann und auch den Mut dazu hat. Dass mein Partner und ich ihm ein gutes Vorbild sind.

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Beruflich kreiere ich leidenschaftlich gerne PR-Stories. Ich war schon immer fasziniert von Werbung, Magazinen und Medienerzeugnissen jeglicher Art – von trashy Britney bis «highly intellectual» Judith Butler. In meiner Freizeit schärfe ich meinen kritischen Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen und dekonstruiere Klischees. Nichts finde ich müssiger als überholte Rollenbilder wieder und wieder zu käuen. 


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